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EUROPEA - europäisches Netzwerk für Agrarschulen

Die besondere Affinität zur bildungsseitigen Zusammenarbeit in Europa verdeutlicht das BilSE-lnstitut bereits in seinem Namen. Denn das Kürzel "BilSE" steht mit der Gründung des Instituts im Jahr 1992 für "Bildungs-Service für Europa". Seit Langem werden bildungsrelevante Themen im Rahmen verschiedener EU-Projekte bearbeitet. Ab 2010 rückte der Bereich Ausbildung in der Agrarwirtschaft und hier die Integration von beruflichen Auslandspraktika zunehmend in den Fokus. Ein thematisches Projekt im damaligen EU-Programm Leonardo da Vinci gestattete den qualifizierten Aufbau eines EU-weiten Netzwerkes an Bildungspartnern und diente der Entwicklung von Handlungsempfehlungen zur Optimierung der inter- nationalen Zusammenarbeit. Die Agrarwirtschaft in den Partnerländern mit seinen regionalen Besonderheiten bietet fur Lernende breiten Raum für den oft benannten "Blick über den Tellerrand". Unterschiedliche Strukturen in der Berufsausbildung, abweichende rechtliche Rahmenbedingungen und vieles mehr bedürfen einer intensiven und verlässlichen Harmonisierung zwischen den entsendenden und den empfangenden Partnern.
 
Das Programm Erasmus+ bietet sowohl für Azubis als auch fiir das Ausbildungspersonal stipendiengestützt die Möglichkeit zum ausbildungs- beziehungsweise berufsbegleitenden Kompetenzerwerb. Abgestimmt auf den berufsspezifischen Rahmenplan können zusätzliche Fachkenntnisse erworben werden. Parallel wird speziell bei Azubis die Entwicklung personlichkeitsbildender Fähigkeiten unterstützt. Die Einbindung in berufliche Prozesse in Betrieben im Ausland gestattet auch kulturelle Einblicke und stärkt das Zusammengehorigkeitsgefühl innerhalb der europäischen Gemeinschaft.

Durch die Aktivitaten des BilSE-Instituts nutzten bisher mehr als 240 Azubis und Fachlehrer diese Möglichkeiten. Der Fokus liegt hier jedoch auf der Qualität, nicht auf der Quantität der realisierten Praktika. Aktuell arbeitet es europaweit mit Berufsschulen und Fachverbänden in den Niederlanden, Dänemark, Estland, Frankreich, Österreich und Ungarn zusammen.

In diese Netzwerktätigkeit sind in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) der Bauernverband, alle landwirtschaftlichen Berufsschulen, die Fachschule für Agrarwirtschaft, der Gala-Bau-Verband und der Gartenbauverband Nord intensiv eingebunden. Die Netzwerktätigkeiten, die Integration der Internationalisierung in Prozesse der Berufsausbildung und die Bekanntmachung der Möglichkeiten bei den Zielgruppen werden durch das Agrarministerium M-V sowie die EU un-terstützt. Individuell für die Praktikanten entwickelte Konzepte werden je nach Schwerpunktsetzung geplant und unter Nutzung von persönlichen Stipendien aus dem Programm Erasmus+ umgesetzt.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in erster Linie in der Hand der direkt in die Organisation der Praktika eingebundenen Personen. Persönliche Treffen der Akteure, klare vertragliche Regeln, langfristige, verlässliche Zusammenarbeit der Institutionen, sichere Finanzierung der eingebundenen Partner und eine vielschichtige geeignete Öffentlichkeitsarbeit sichern die Qualitat der Praktika.
Die Mitarbeit im Netzwerk EUROPEA-Deutschland und EUROPEA-lnternational bietet eine sehr gute strategische Plattform zum Erfahrungsaustausch von Akteuren im In- und Ausland und als Ideen- und Kontaktbörse.

Einige konkrete Beispiele: Bei einem dreiwöchige Auslandsaufenthalt im Raum Zwolle (Niedelande) sammelten zwei Gartenbau-Azubls unter dem Blickwinkel der nationaltypischen Mentalitat Erfahrungen im Bereich der Gewächshaus-kultur. Das Kennenlernen von Sonderkulturen wie Hopfen, Wein und Tabak im französischen Elsass standen auf dem Programm von zwei jungen Landwirten.
in Estland arbeiteten zwei Auszubildende auf einem privaten Hof beziehungsweise einem Schulbetrieb. Sie konnten, organisiert durch die kooperierende Berufsschule, den deutschen Botschafter treffen, den internationalen Pflü-gerwettbewerb sowie die Marmeladenmesse an der landwirtschaftlichen Schule besuchen. Fünf Ausbilder aus Mecklenburgischen Ausbildungsbetrieben trafen im Elsass nicht nur ihre ehemaligen Praktikanten, sondern lernten auch die erfolgreiche Direktvermarktung kennen. Sieben Teilnehmer, bestehend aus Ausbildern und Berufs-chullehrern, besuchten im GroBraum Budapest (Ungarn) landwirtschaftliche und gartenbaufachliche Berufsschulen, Schulbetriebe und mögliche Praktikumsbetriebe in den Bereichen Ackerbau, Pferdewirtschaft und Direktvermarktung. Gespräche mit Berufskollegen zum Beispiel zu Inhalten der Berufsausbildungen sowie methodisch-didaktischen Fragen bereicherten beide Gesprächsparteien.

Zurück in Deutschland haben die Absolventen viel zu berichten. Praktikumsberichte fließen in die Informationsveranstaltungen der Schulen ein und lassen die Funken der Begeisterung überspringen. Fachlehrer, zum Beispiel im Fremdsprachenunterricht, greifen die Thematik der Auslandspraktika auf und verzahnen dadurch das enge Zusammenspiel der Partner. Fachverbände, wie der Bauernver-band, unterstützen dieses durch die Arbeit mit Ausbildungsbetrieben, die im Gegenzug auch Praktikanten aus dem Ausland aufnehmen, und durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit auf Fach- und Berufsmessen.

Im Rahmen der Freisprechungen an der Fachschute für Agrarwirtschaft beziehungsweise der Fachforen auf der jährlichen Landwirtschaftsausstellung erhalten die Absolventen der Auslandspraktika ihren Europass. Speziell Azubis empfehlen sich damit in Ergänzung ihres Abschlusszeugnisses potenziellen Arbeitgebern durch den Nachweis des Kompetenzerwerbs im europaischen Ausland.
Durch die Möglichkeit, ausbildungsbegleitend an einem fachspezifischen Auslandspraktikum teilzunehmen, wird die Attraktivitat der landwirtschaftlichen Berufsausbildung in Mecklenburg-Vorpommern im Wettbewerb um beruflichen Fachkräftezuwachs gestärkt. Die Integration von Auslandspraktika in Ausbildungsprozesse gelingt durch ein langfris-tiges, kontinuierliches und gut abgestimmtes Zusammenspiel im Netzwerk.

Autor:
Dr. Britta Ender, BilSE-lnstitut

Quelle:
B&B Agrar 1/2018

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